Archiv für die Kategorie ‘Literatur-Blog’

Bauchschmerzen

Samstag, 26. September 2009

Ein wichtiges Thema in diesem Blog ist die Entropie. Ich behandle sie informationstheoretisch. Man kann sie vom Zusammenhang mit Energie und Materie befreien und als dimensionslose Zahl darstellen. Die weitergehende Erklärung überlasse ich Arieh Ben-Naïm.

Arieh kenne ich persönlich. Er läuft nicht in Gefahr, mit dem Entropie-Thema in das Mystische abzuheben. Das ist gut, denn wenn der Umgang mit dem Thema zu “geistig” wird, bekomme ich Bauchschmerzen. Darum möchte ich hier warnen, dass uns der informationstheoretische Ansatz nicht von den profanen Zwängen der Physik befreit. Den Begriff der “freien Energie” beispielsweise gibt es zwar in der Physik, aber frei bedeutet nicht, dass hier irgendetwas kostenlos angezapft werden kann, was bisher irgendwie ungenutzt als “Raumenergie” im Raum herumschwirrte. Hier etwas Gegengift, damit wir mit der Entropie nicht ins Mystische abheben:

Chaos:
Jean Bricmont
Physique Théorique, UCL,
B-1348 Louvain-la-Neuve, Belgium
Science of Chaos or Chaos in Science?
Physicalia Magazine, 17, (1995) 3-4, pp.159-208

Entropie und Information:
Auf die Raumenergie-Geschichte bin ich gestoßen, als ich mal wieder ein bisschen googelte, um zu sehen, wie es Michail Wladimirowitsch Wolkensteins Entropie und Information (1986) geht. Man kann das Büchlein ja auch in den falschen Hals bekommen, aber da kann der Autor nichts dafür. Leider ist es vergriffen und zwei russische Verlage streiten sich um das Urheberrecht. Das ist schade, dann Wolkenstein beschreibt die Bedeutung von Entropie sehr anschaulich und doch nüchtern wissenschaftlich.

Allerdings gibt es unter dem Titel Entropie und Information – Naturwissenschaftliche Schlüsselbegriffe (1997) noch an anderes sehr empfehlenswertes Buch, das sich “an Physiklehrer, aber auch an Chemiker und Biologen wendet”. Der Autor ist Wolfgang Salm.

Struktur und Bedeutung:
Auch schon nicht mehr so einfach zu bekommen ist Norbert Bischofs Struktur und Bedeutung (1998), eine Einführung in die Systemtheorie für Psychologen. Besonders interessant fand ich in dem Buch die Erläuterung der verschiedenen informationstheoretischen Entropien und das Kapitel über Semantik. Das Buch lege ich allen ans Herz, die ihre Umwelt verstehen und das Verstehen selbst verstehen wollen. (Der Autor schafft es, einerseits die Z-Transformation so darzustellen, das Abitur-Mathematik zum Verständnis ausreicht und andererseits philosophische Fragen streng und gleichzeitig humorvoll zu behandeln.) Es ist außerdem ein schönes Buch und einfach gut zu lesen.

Indikatoren für Lebensqualität

Samstag, 26. September 2009

Tagesschau 2009-06-25, “Der Wohlstand geht trotz Wachstum zurück“: “Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft? Auch beim G20-Gipfel starren Politiker, Medien und Experten vor allem auf eine Zahl: das Bruttoinlandsprodukt. Der Nachhaltigkeitsforscher Roland Zieschank fordert im Interview mit tagesschau.de ein Umdenken: ‘Wir müssen weg von dem Wachstumsparadigma.’”

Das sind keine Neuentdeckungen. Nochmal der Hinweis: Schon im Jahr 1999 schrieb Hartmut Bossel (IISD) Indicators for Sustainable Development (Theory, Method, Applications) (ISBN 1895536138). Das Buch ist sehr vorsichtig geschrieben. Ein ganz großer Teil des Buches widmet sich den Problemen und dem Zustandekommen dieser Indikatoren für Lebensqualität. Alleine das Mitvollziehen der damit verbundenen Gedankengänge schult die für eigene Beobachtungen notwendige Aufmerksamlkeit.

Merkel in der Falle

Dienstag, 22. September 2009

Wachstum über Alles

Satire
Georg Schramm über mediale Volksverblödung und Wachstum

Wachstum und Verzicht
Angela Merkel weiß als Physikerin um die Grenzen des Wachstums. Es wäre fast besser, sie wäre unredlich ignorant. Aber vermutlich sind Politiker in dieser Frage inzwischen nur noch hilflos, wenn Wirtschaftswachstum immer noch ihre Priorität ist. Wenn sie Angela Merkel meint, starkes Wirtschaftswachstum sei in einer für physikalisches Wachstum zunehmend begrenzenden Umwelt möglich, dann müsste sie hinsichtlich des Wirtschaftens die Systemfrage stellen. Einer der wichtigsten Gründe von Politikern, sich Alternativen zu einer wachstumsabhängigen Leistungsentlohnung der Menschen schon von vorneherein nicht anzusehen, sind die befürchteten Konsequenzen. Das Thema ist immer noch so gefährlich, dass Johan Schloemann meint, es vorsichtshalber ins Lächerliche ziehen zu müssen, damit seine Leser seinen Kommentar überhaupt durchlesen:

  • Johan Schloemann, SZ, 2009-09-16: Einfach besser leben, Seit der Studie des Club of Rome von 1972 haben Wachstumszweifel in Deutschland Konjunktur – erneut versuchen nun Kapitalismuskritiker, den Verzicht als Gewinn zu definieren.)
    “Um sich vom Wachstum zu lösen, ‘müsste es echte Opfer geben. Das will aber keiner hier.’”
    Helmut Schmidt, Kirchentag Bremen, 2009-05
  • Benedikt Fehr und Holger Steltzner, Interview mit Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger, FAZ, 2009-06-30: Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!
    “Natürlich kann man diskutieren, ob dieses ‘faustische Streben’ nach immer mehr, immer größer, immer schneller richtig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weniger Geldschöpfung und weniger Wachstum wahrscheinlich auch der allgemeine Wohlstand geringer sein wird.”
    Josef Ackermann
  • Dieter Westhoff: Interview mit Harald Welzer, Tagesschau 2008-07-09: Nur ein neuer Lebensstil kann Klimakriege verhindern

Bruttosozialglück
http://www.google.de/search?q=bruttosozialglück
http://de.wikipedia.org/wiki/Bruttonationalglück
http://en.wikipedia.org/wiki/Gross_National_Happiness
Ein König hat es zugegebenermaßen etwas leichter, für sein Volk das Bruttosozialglück zu definieren. Aber ganz so unscharf und schwammig ist dieser Begriff nicht, als dass man ihn mit Willkür in besitz nehmen könnmte. Schon der Versuch, Metriken für Lebensqualität zu finden hilft bei der Richtungsbestimmung. Das “Glück” kann mit soziometrischen Methoden beobachtet werden:

Literatur

Sprache
Unter den Arbeiten, die im Jahr 2005 den Studienpreis der Körber-Stiftung erhielten, möchte ich Philipp Krohns Ausweg Wachstum? Sprache in einer begrenzten Welt besonders hervorheben.

Fakten
Keiner kann mit Sicherheit sagen, wieviele Menschen auf die Erde passen. Klar ist jedoch: Innerhalb von wenigen Jahren hat sich der “Fußabdruck” (das ökologische Gewicht) des einzelnen und durchschnittlichen Menschen in einer Weise und Geschwindigkeit um Größen vervielfacht, für die es in der für uns relevanten Umwelt kein anderes Beispiel gibt. Das verstärkt die rein zahlenmäßige Bevölkerungsexplosion unserer Art. Anzunehmen, dass sich dieses Wachstum fortsetzt, ist Wahnsinn.

Ursprünglich hatte Geld die Aufgabe, als Kommunikationsmedium zu dienen, mit dem Werte (und Bezugsrechte für Werte) in einer sich selbst dynamisch normierenden Weise mitgeteilt werden. Das ist so bequem geworden, dass wir das Bild von den Realitäten in der Wirtschaft gerne mit der Wirtschaft selbst verwechseln. Aber wenn die Abbildung wirtschaftlicher Wirklichkeit wächst, heißt das noch lange nicht, dass die Wirtschaft selbst wächst. Wirtschaftswachstum kann auch sehr gut das Wachsen der Knappheit von Ressourcen anzeigen. Das ist, was passiert – und irgendwo scheinen wir das alles doch schon zu ahnen.

Fast wünsche ich mir, dass die Verteidiger des Wachstumszwangs von reiner Bosheit getrieben wären und nur eigene und kurzfristige Interessen verfolgten. Aber ich befürchte, dass unsere “Eliten” einfach keine Hoffnung mehr haben, dass die Menschen in intelligenter Weise von einer Wacstumswirtschaft zu einer Erhaltungswirtschaft finden. Mit ihrer Asbildung muss Angela Merkel es zumindest für unwahrscheinlich halten, dass sich das von ihr gepredigte Wachstum aufrecht erhalten lässt. Das sie trotzdem auf Wachstum setzt, zeigt, wie hilflos Politik schon geworden ist.

Glaubenserhaltungslehre

Mittwoch, 16. September 2009

Der Student neben mir in der S-Bahn arbeitet sein Skript durch. Grundlagen: “In der Marktwirtschaft wird der Preis durch den Preismechanismus von Angebot und Nachfrage bestimmt (Das ist ein Argument gegen Mindestlöhne)”. So steht es im Skript. So wird es abgefragt in der neuen, verschulten Universität. Ich frage ihn, ob sowas Wissenschaft sei. Abgeklärt bringt er mir bei, dass das davon abhänge, wer der Professor sei.

Die Wirtschaftswissenschaften dienen eben zu selten dazu, neues Wissen zu schaffen. Sie sind eine Glaubenslehre, genauer, eine Glaubenserhaltungslehre. Das verlangt Respekt, denn angesichts der dabei notwendigen Überwindung der unvermeidlich zunehmenden Zahl von Widersprüchen sind Gebiete wie Theologie und Wirtschaftswissenschaft wohl eine intellektuelle Herausforderung, mit der zum Beispiel die Physik nicht mithalten kann. Und wenn die Krise vorbei ist,wird die Wisseschaft wieder so auf den Strich gehen, wie zuvor. Und die Professoren werden ihre Studenten weiter marktgerecht indoktrinieren, und zwar wohl überwiegend nicht gegen deren Wunsch. Die Nachfrage der “pragmatischen” Schüler muss befriedigt werden. Mit dem Wissen müssen sie ja Geld verdienen können, was für die junge Generation eine zunehmend schwierigere Angelegenheit ist.

    Lesetips:

  • Dirk Baecker, Walter Benjamin, Norbert Bolz, Christoph Deutschmann: Kapitalismus als Religion, 2002
  • Björn Frank, Günther G. Schulze: How Tempting is Corruption? More Bad News About Economists, 1998
  • Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988
  • Robert H. Nelson: Economics as Religion – From Samuelson to Chicago and Beyond, 2003
  • Tibor Scitovsky: The Joyless Economy – The Psychology of Human Satisfaction, 1992

Lesen!

Mittwoch, 09. September 2009

Eigentlich habe ich es aufgegeben, Argumente zu sammeln. Wir wissen doch ohnehin ganz gut, was richtig und falsch ist. Wissen wird ja zunehmend immer lästiger. Es kann zum Verzweifeln sein: “Laßt uns das Leben genießen, solange wir es nicht begreifen.” Hier möchte ich Tucholsky nicht folgen. Ohne Vergnügen endet man auf halber Strecke. “Menschenkenntnis-Bücher” beispielsweise sind mir zu sehr ein Ärgernis, wenn sie nur zu lesen wären, um zur Vernunft zu kommen. Das reicht nicht. Sie müssen auch nach dem Begreifen ein mehrfach lesbarer Genuss sein – und in das Handgepäck passen:

Faust-Paket:

  • J.W.v.Goethe: Faust I (Reclam Nr. 1), Faust II (Reclam Nr. 2)
  • Rüdiger Bernhardt: Erläuterungen (knappe Einführung vom C. Bange Verl. Nr. 21 und Nr. 43)
  • Heinz Hamm: Werkgeschichte und Textanalyse, 1997, ISBN 2061028218
  • Theodor Friedrich und Lothar J. Scheithauer: Kommentar mit Glossar, (1932, 1959, Reclam Nr. 7177)
  • Friedrich Theodor Vischer: Faust III (Reclam Nr. 6208, kann man auch als Kommentar zum Faust II verwenden, insbesondere wenn man sich mit Fausts Besuch bei “den Müttern” schwergetan hat.)
  • Hans Christoph Binswanger: Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes Faust. Nachwort von Iring Fetscher. Edition Weitbrecht, Stuttgart 1985; 2., vollständig überarbeitete Ausgabe: Murmann, Hamburg 2005

Zarathustra:

  • Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen, 1883–1885

Alles Geld verdampft

Montag, 07. September 2009

F:
Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.

M:
Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
Pokal und Kette wird verauktioniert,
Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.

(komplette Szene)



Sie glauben, Geld habe nichts mit Physik zu tun? Wenn Sie aber meinen, dass an irgendeinem Ort verschwundenes Geld erhalten bliebe und deswegen an irgend einem anderen Ort von irgendjemand Anderem ausgegeben werden könne, dann wenden Sie den Energieerhaltungssatz auf Geld an. Wie kommen Sie eigentlich auf diese Idee? Wenn die Krise 5.000.000.000.000 US-Dollar vernichten kann, dann ist das physikalische Analogon zu Geld nicht Energie, sondern Redundanz. Und dieses Übermaß der Schätze ist der Abstand zwischen maximaler Entropie und tatsächlicher Entropie. Dieser Abstand schrumpfte um mindestens 50 Billionen Dollar.

Passendes Buch: Alles Geld verdampft: Finanzkrise in der Weltrisikogesellschaft von Jakob Arnoldi, Juni 2009.

Demokratie und Politische Gleichheit

Montag, 07. September 2009

Robert Alan Dahl über die politische Teilhabe der Bürger in der Demokratie – Auch ein Verteilungsthema:

  • On Political Equality, Yale University Press, 2006, ISBN 978-0-300-12687-7, 120 S. (Themen des im Jahr 1915 geborenen Autors; die Grundlagen der Demokratie, die Bedeutung politischer Teilhabe für die Demokratie, eine Skala für den Grad der „Polyarchie“, zwei Zukunftsszenarien; Kategorien der Library of Congress: „1. Democracy, 2. Equality“);
  • Übersetzung: Gabriele Gockel, Barbara Steckham, Thomas Wollermann: Politische Gleichheit – ein Ideal? Hamburg 2006, ISBN 978-3-936096-72-9.

Andreas Zielcke:

  • Im Treibsand – Trotz guter Verfassung: Die Demokratie stellt sich dumm, Süddeutsche Zeitung, 2009-05-22

Coulter-Ungleichverteilung

Freitag, 04. September 2009

Philip B. Coulters Measuring Inequality (1989) ist ein Zoo mit etwa 50 Ungleichverteilungsmaßen.

In dem Zoo lebt auch eine seiner Schöpfungen: Die Coulter-Ungleichverteilung ist die halbe Summe der Wurzeln der Absolutwerte der quadrierten relativen Abweichungen.

Zum Vergleich: Die Hoover-Ungleichverteilung ist die halbe Summe der Absolutwerte der relativen Abweichungen.

Ich erwähne die Coulter-Ungleichverteilung hier deswegen, weil sie einer der vielen Versuche ist, eine normative Wertung schon in die Berechnungsformel eines Ungleichverteilungsmaßes einzubauen: Durch die Quadrierung werden kleine Abweichungen noch kleiner und größere noch größer. Dadurch wird bei Einkommens-Ungleichverteilungen der Einfluss hoher Einkommen noch größer.

Zentralbiliothek für Wirtschaftswissenschaften

Freitag, 04. September 2009

ECONIS Select – Lohnspreizung und Einkommensverteilung in Deutschland

“Inequity”, nicht “Inequality”

Donnerstag, 03. September 2009

Lionnel Maugis: Inequity Measures in Mathematical Programming for the Air Traffic Flow Management Problem with En-Route Capacities (Beitrag für IFORS 96), 1996 (CENA – Centre d’études de la Navigation Aérienne – Sofréavia, Orly Sud 205, 94542 Orly Aérogare Cedex, France)

Mein Fehler (ich schrieb ursprünglich ‘Inequality Measures”) in http://www.umverteilung.de/ hat sich kräftig im Web ausgebreitet.

Nebenbemerkung: In Maugis hübscher Formelsammlung (inzwischen leider nicht mehr im Web) ging es um Ungleichverteilungen bei der Auslastung von Passagierflugzeugen. Hoovers und Theils Ungleichverteilungsmaße fand ich in dem Papier unt enteckte dabei, dass der Mittelwert aus Theils Maß mit vertauschten Werten und Theils Maß mit unvertauschten Werten dem zuerst von mir ausgedachten Maß entsprach. Die Formelsammlung von Maugis beschränkte die berechnung von Ungleichverteilungen auf einheitliche Quantilsabstände (also Perzentile), während bei mir auch Daten mit unterschiedlich große Quantilsabständen (z.B. Einkommensgruppen mit unterschiedlich vielen Einkommensbeziehern) ausgewertet werden können.