Mit ‘Sprache’ getaggte Artikel

Keine Einkommensdelikte

Sonntag, 27. September 2009

“Die Vermögens-Ungleichheit (wealth inequality) stellt die Einkommens-Ungleichheit in den Schatten und reicht bis tief in die Mittelschichten. Die oberen 20 Prozent der Haushalte verdienen ungefähr 56 Prozent des Gesamteinkommens der Nation, verfügen aber über 83 Prozent unseres Reichtums. Die unteren 60 Prozent, also die Mehrheit der Bevölkerung, verdienen 23 Prozent des Gesamteinkommens, besitzen aber weniger als 5 Prozent des Vermögens. Und die unteren 40 Prozent verdienen 10 Prozent des nationalen Gesamteinkommens, verfügen aber nur über weniger als 1 Prozent des Reichtums. Trotz des grösseren Umfangs der Vermögens-Ungleichheit wird in der Öffentlichkeit aber viel mehr über Einkommens-Ungleichheit (und Einkommens-Armut) gesprochen.” (Ray Boshara, Poor in Assets and Income,The New York Times, 2002-09-29)

Hinweis: Einkommen ist eine Flussgröße. Aus ihm kann sich im Verlauf der Zeit Vermögen bilden. In diesem Fall ergibt sich schon wegen der individuell unterschiedlich langen Zeiten der Vermögensbildung für Vermögen eine höhere Ungleichheit, als für Einkommen.

Schon unser Wortschatz zeigt, mit welcher Art von Umverteilung wir bei Vermögen einerseits und Einkommen andererseits rechnen und wofür uns die Worte fehlen: Mit “Vermögensdelikt” kann ich heute 26700 Treffer erzielen, “Eigentumsdelikt” schafft 43600 Treffer. “Einkommensdelikt” liefert einen einzigen Treffer: “Einbrecher durch Warnschüsse gestoppt – oesterreich.ORF.at – Das sollte natürlich Eigentumsdelikt heißen, nicht Einkommensdelikt…”

Allerdings haben wir “Managergehälter”, was angenehm ablenkt von den Einkommensdelikten, die der ganz gewöhnliche deutsche Konsument auf der globalen Schnäppchenjagd täglich begeht. Mit der Zeit werden wir aber nicht mehr Viktualien billig importieren können, sondern zunehmend auch die prekären Arbeitsbedingungen ihrer Produzenten kennenlernen müssen. Globale Ungleichverteilungen zwischen den Regionen werden global wieder zu Ungleichverteilungen zwischen Klassen. Was ist daran überraschend?

Merkel in der Falle

Dienstag, 22. September 2009

Wachstum über Alles

Satire
Georg Schramm über mediale Volksverblödung und Wachstum

Wachstum und Verzicht
Angela Merkel weiß als Physikerin um die Grenzen des Wachstums. Es wäre fast besser, sie wäre unredlich ignorant. Aber vermutlich sind Politiker in dieser Frage inzwischen nur noch hilflos, wenn Wirtschaftswachstum immer noch ihre Priorität ist. Wenn sie Angela Merkel meint, starkes Wirtschaftswachstum sei in einer für physikalisches Wachstum zunehmend begrenzenden Umwelt möglich, dann müsste sie hinsichtlich des Wirtschaftens die Systemfrage stellen. Einer der wichtigsten Gründe von Politikern, sich Alternativen zu einer wachstumsabhängigen Leistungsentlohnung der Menschen schon von vorneherein nicht anzusehen, sind die befürchteten Konsequenzen. Das Thema ist immer noch so gefährlich, dass Johan Schloemann meint, es vorsichtshalber ins Lächerliche ziehen zu müssen, damit seine Leser seinen Kommentar überhaupt durchlesen:

  • Johan Schloemann, SZ, 2009-09-16: Einfach besser leben, Seit der Studie des Club of Rome von 1972 haben Wachstumszweifel in Deutschland Konjunktur – erneut versuchen nun Kapitalismuskritiker, den Verzicht als Gewinn zu definieren.)
    “Um sich vom Wachstum zu lösen, ‘müsste es echte Opfer geben. Das will aber keiner hier.’”
    Helmut Schmidt, Kirchentag Bremen, 2009-05
  • Benedikt Fehr und Holger Steltzner, Interview mit Josef Ackermann und Hans Christoph Binswanger, FAZ, 2009-06-30: Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!
    “Natürlich kann man diskutieren, ob dieses ‘faustische Streben’ nach immer mehr, immer größer, immer schneller richtig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weniger Geldschöpfung und weniger Wachstum wahrscheinlich auch der allgemeine Wohlstand geringer sein wird.”
    Josef Ackermann
  • Dieter Westhoff: Interview mit Harald Welzer, Tagesschau 2008-07-09: Nur ein neuer Lebensstil kann Klimakriege verhindern

Bruttosozialglück
http://www.google.de/search?q=bruttosozialglück
http://de.wikipedia.org/wiki/Bruttonationalglück
http://en.wikipedia.org/wiki/Gross_National_Happiness
Ein König hat es zugegebenermaßen etwas leichter, für sein Volk das Bruttosozialglück zu definieren. Aber ganz so unscharf und schwammig ist dieser Begriff nicht, als dass man ihn mit Willkür in besitz nehmen könnmte. Schon der Versuch, Metriken für Lebensqualität zu finden hilft bei der Richtungsbestimmung. Das “Glück” kann mit soziometrischen Methoden beobachtet werden:

Literatur

Sprache
Unter den Arbeiten, die im Jahr 2005 den Studienpreis der Körber-Stiftung erhielten, möchte ich Philipp Krohns Ausweg Wachstum? Sprache in einer begrenzten Welt besonders hervorheben.

Fakten
Keiner kann mit Sicherheit sagen, wieviele Menschen auf die Erde passen. Klar ist jedoch: Innerhalb von wenigen Jahren hat sich der “Fußabdruck” (das ökologische Gewicht) des einzelnen und durchschnittlichen Menschen in einer Weise und Geschwindigkeit um Größen vervielfacht, für die es in der für uns relevanten Umwelt kein anderes Beispiel gibt. Das verstärkt die rein zahlenmäßige Bevölkerungsexplosion unserer Art. Anzunehmen, dass sich dieses Wachstum fortsetzt, ist Wahnsinn.

Ursprünglich hatte Geld die Aufgabe, als Kommunikationsmedium zu dienen, mit dem Werte (und Bezugsrechte für Werte) in einer sich selbst dynamisch normierenden Weise mitgeteilt werden. Das ist so bequem geworden, dass wir das Bild von den Realitäten in der Wirtschaft gerne mit der Wirtschaft selbst verwechseln. Aber wenn die Abbildung wirtschaftlicher Wirklichkeit wächst, heißt das noch lange nicht, dass die Wirtschaft selbst wächst. Wirtschaftswachstum kann auch sehr gut das Wachsen der Knappheit von Ressourcen anzeigen. Das ist, was passiert – und irgendwo scheinen wir das alles doch schon zu ahnen.

Fast wünsche ich mir, dass die Verteidiger des Wachstumszwangs von reiner Bosheit getrieben wären und nur eigene und kurzfristige Interessen verfolgten. Aber ich befürchte, dass unsere “Eliten” einfach keine Hoffnung mehr haben, dass die Menschen in intelligenter Weise von einer Wacstumswirtschaft zu einer Erhaltungswirtschaft finden. Mit ihrer Asbildung muss Angela Merkel es zumindest für unwahrscheinlich halten, dass sich das von ihr gepredigte Wachstum aufrecht erhalten lässt. Das sie trotzdem auf Wachstum setzt, zeigt, wie hilflos Politik schon geworden ist.